Der Bahnhof ist das Gesicht der Stadt. Willy, wo bist Du?
Ich bin (unzufriedener) Superuser der Deutschen Bahn. Landauf, landab. Das bringt mich direkt in die Zentren der Republik – und dort sehe ich seit Jahren fast nur noch Gesichter der Degeneration.
Direkt am Hauptbahnhof lebt eine Stadt – oder auch nicht. Am Bahnhof siehst Du in zehn Minuten, ob eine Stadt blüht oder verkommt. Kein Imagefilm, keine Standortbroschüre, keine Pressestelle hält dieser Prüfung stand. Der Bahnhof ist das Gesicht der Stadt, und Gesichter kann man nicht schminken, wenn man täglich hunderttausend Menschen hindurchschleust.
Keine Angst – wir sind nicht allein. Anderen Ländern geht es genauso. Ich bin aber hier Bürger und Wähler, und daraus folgt für mich eine Art Verantwortung, mich damit zu beschäftigen. Manchmal – beinahe oft – schäme ich mich offen für den Zustand dessen, was ich sehe.
Was ich sehe
Die schutzlosen Menschen, die im Schatten von Drehkreuz und Fastfood dahinvegetieren. Rentnerinnen, die Mülleimer nach Pfandflaschen durchwühlen. Dreck, der sich stapelt und für den es keine Erklärung gibt. Von den realen „Baustellen“ will ich gar nicht reden, denn noch nie war Bauen so planlos wie heute.
Und dann das: eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Sichtweite der offenen Drogenszene am Münchner Hauptbahnhof. Das erste Ankunftszentrum dieser Art in Deutschland entstand ausgerechnet in Bahnhofsnähe (Süddeutsche Zeitung) – in einem Viertel, dessen Elend aus Crack-Konsum und Straßenprostitution auch überregional beschrieben wird (FAZ). Wer bringt traumatisierte 15-Jährige an so einem Ort unter – und wer prüft eigentlich, ob das gut geht?
Das ist keine Frage gegen die Jugendlichen. Das ist eine Frage an die, die den Standort ausgewählt, genehmigt und danach nie wieder hinterfragt haben.
Ich weiß, dass es das nicht immer gab
Ich bin als neunjähriges Kind nach Deutschland gekommen. Dieses Straßenbild hat es damals nicht gegeben. Ich weiß es genau, denn ich habe mich damals gewundert, dass niemand Flaschen sammelt. Das habe ich dann getan, um meine ersten Umsätze zu machen. Für ein Kind war das ein Geschäftsmodell. Für eine 78-jährige Frau ist es eine Auskunft über dieses Land.
Und es sind nicht wenige. Rund 1,28 Millionen Menschen bezogen im Dezember 2025 Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, 1,8 Prozent mehr als im Jahr davor (Statistisches Bundesamt). Die Zahl der aktiven Pfandsammler in Deutschland liegt seit Jahren um die Million (Pfandstudien-Übersicht). Das ist kein Gefühl. Das ist eine Statistik, die zum Gefühl passt.
Der Zustand ist gemessen, nicht erfunden
Bei den Bahnhöfen selbst ist es dasselbe. Trotz Investitionen in Rekordhöhe hat das Schienennetz erneut nur die Zustandsnote 3 erhalten; die Bahnchefin sagt selbst, viele Anlagen und Bahnhöfe seien weiter in keinem guten Zustand (Deutschlandfunk). Der Sanierungsstau wird inzwischen mit rund 130 Milliarden Euro angegeben (VerkehrsRundschau). Und ich bin mit meinem Unbehagen auch nicht exotisch: In der Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts gaben 27 Prozent an, dass ihr Sicherheitsgefühl gerade an Bahnhöfen besonders leidet (euronews).
Man kann mir also alles vorwerfen, nur nicht, dass ich mir das einbilde.
Die verweigerte Deutung
Statistisch betrachtet geht es uns gut. Die gefühlte Realität spricht eine andere Sprache. Und diese gefühlte Realität hat mehr im Auge als Zahlen: Sie braucht soziale Interpretation. Sie braucht jemanden, der ausspricht, was das mit einer Gesellschaft macht, wenn ihr Eingangstor so aussieht.
Genau diese Deutung wird verweigert. Man muss sich nur ansehen, was passiert, wenn es einer versucht: Der Bundeskanzler sprach im Oktober 2025 von „Problemen im Stadtbild“ – und verknüpfte das ausdrücklich mit Migration und Abschiebungen (tagesschau). Danach diskutierte die Republik wochenlang über den Satz. Über 120.000 Menschen unterschrieben eine Petition dagegen, Kritik kam auch aus der eigenen Partei (tagesschau). Im Dezember räumte er ein, er würde es heute anders machen (Tagesspiegel), und im August 2026 erklärte er, er bereue nichts, habe aber nie das äußere Erscheinungsbild von Menschen gemeint (n-tv).
Merk Dir den Ablauf, denn er ist das Muster: Es wurde nicht über die Bahnhöfe gesprochen. Es wurde über die Wortwahl gesprochen. Wer Verwahrlosung beim Namen nennt, wird zurückgepfiffen, bevor über die Sache geredet wird. Am Ende ist keine Toilette saniert, kein Sozialarbeiter eingestellt, kein Jugendlicher aus der Drogenszene geholt – aber alle haben Haltung gezeigt.
Das ist die eigentliche Bankrotterklärung von vierzig Jahren. Nicht ein einzelner falscher Satz, sondern die Weigerung, das Sichtbare zu benennen und dann daran zu arbeiten.
Und damit es keine Missverständnisse gibt: Das ist kein Ruf nach harter Hand. Das ist ein Ruf nach Verantwortung.
Was ich stattdessen erwarte
Zuständigkeit sichtbar machen. An jedem Hauptbahnhof gehört ein Name an die Wand: Wer verantwortet Sauberkeit, wer Sicherheit, wer die Menschen, die dort liegen? Solange sich Bahn, Stadt, Land und Bund gegenseitig die Zuständigkeit zuschieben, passiert nichts.
Menschen aus dem Bahnhof holen, nicht vertreiben. Wer suchtkrank und wohnungslos ist, braucht Aufnahmeplätze und Betreuung, keine Platzverweise im Rotationsverfahren. Vertreiben verschiebt das Elend nur um zwei Straßen.
Kinderschutz vor Verwaltungslogik. Unterkünfte für unbegleitete Minderjährige gehören nicht in Sichtweite offener Drogenszenen. Wo es so ist, muss verlegt werden – und zwar, ohne dass jemand erst eine Studie in Auftrag gibt.
Bauen mit Plan und Datum. Jede Baustelle mit sichtbarem Fertigstellungsdatum und Verantwortlichem. Wer es reißt, erklärt es öffentlich.
Reden dürfen. Wer Zustände beschreibt, ist kein Feind der Republik. Die Debatte über das, was am Bahnhof zu sehen ist, muss geführt werden können, ohne dass sofort die Gesinnung geprüft wird.
Fazit: Willy, wo bist Du?
Am 19. März 1970 standen tausende Menschen in Erfurt vor dem Hotel „Erfurter Hof“ und riefen „Willy Brandt ans Fenster!“ – bis der Kanzler ans Fenster trat und der Menge zuwinkte (Der Spiegel). Angekommen war er übrigens am Hauptbahnhof (Bundesarchiv).
Unsterblich gemacht hat ihn nicht ein Programm. Es war die Fähigkeit, einem Gefühl eine Gestalt zu geben – am Fenster, am Denkmal, im Bundestag. Genau das fehlt heute vollständig.
Deswegen wäre es wichtig, wenn Willy jetzt ans Fenster treten und uns allen ein Zeichen senden würde.
Willy, wo bist Du?
Und jetzt Du: Wie sieht Dein Bahnhof aus? Schreib mir Deine Stadt und was Du dort siehst – ich sammle das.

